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Ein Plädoyer für harten Brexit

Professor Alfred Grosser beleuchtet am Berufskolleg Duisdorf vor allem europäische Themen

VON STEFAN HERMES, Bonner Generalanzeiger vom 02.06.2017

DUISDORF. Sehr kurzfristig hatte sich der Besuch des Politologen und Publizisten Alfred Grosser im Duisdorfer Berufskolleg ergeben. So hatten die Schülerinnen und Schüler der Höheren Handelsschule, des Wirtschaftsgymnasiums und der Fachoberschule nur wenig Zeit, sich auf den profunden Kenner der deutsch-französischen Beziehungen vorzubereiten. In der vormittäglichen Diskussionsrunde am Donnerstag ging es um europäische Themen, wie Migration, die deutsch-französische Beziehungen und den Brexit.

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14 Schüler hatten Fragen vorbereitet, die der 92-jährige Politikwissenschaftler in der vollbesetzten Aula größtenteils stehend beantwortete. Bevor er dazu kam, stellte er mit einem Augenzwinkern klar, wie er die Einschätzungen und Prognosen seiner Wissenschaft sieht: „Ein Politologe ist jemand, der im Nachhinein erklärt, wieso man etwas hätte voraussagenkönnen.“

Der eher amüsante Einstieg wandelte sich jedoch schnell in einen ernsthaften Meinungsvortrag, als ihm eine Schülerin die Frage nach seiner Sicht auf den Brexit stellte. Er hoffe, dass die Verhandlungen mit Großbritannien sehr hart geführt würden. Man dürfe nicht nachgeben, denn England könne nicht „zugleich draußen und drinnen“ sein. Dass auch Schottland nach Unabhängigkeit strebe, hielt Grosser nicht für sonderlich klug, da dessen Erdölvorkommen immer mehr zurückgingen und die „große Bank von Schottland, die einmal weltberühmt war“, so viele Katastrophen hervorgebracht habe, dass sie der Deutschen Bank nicht unähnlich geworden sei.

Ganz zu Anfang hatte Grosser darum gebeten, die bereits von Lehrern und Erwachsenen besetzten ersten Reihen des Auditoriums bitte mit den Jugendlichen zu tauschen, was ihm die ersten breiten Sympathien entgegenbrachte. Jetzt wandte er sich an die eventuell vorhandenen CDU-Mitglieder unter den Erwachsenen, denen er empfahl, sich von ihrer Partei zu trennen, solange diese mit der Partei des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán im EU-Parlament in derselben Fraktion säße. Darüber hinaus war er voll des Lobes und des Respekts für Bundeskanzlerin

Angela Merkel, die nicht nur seine, sondern auch Frankreichs größte Bewunderung habe.

Ein vehementes Nein erwiderte Grosser auf die Frage eines Schülers, ob der deutsche Waffenhandel ethisch vertretbar sei. Grosser erinnerte daran, dass sich Deutschland und Frankreich darüber gestritten hätten, wer am meisten Waffen an das „furchtbare“ Saudi- Arabien liefern könne. Doch das Problem sei seit ein paar Tagen überholt, da nun Donald Trump alle Waffen liefern wolle.

Mit seinem Dank an Grosser betonte Schulleiter Dirk Thomas, dass er ihm gerne noch weitaus länger als die schnell vergangenen 90 Minuten zugehört hätte. Er schien damit auch die Meinung vieler Schüler ausgesprochen zu haben, die dem Publizisten einen anerkennend großen Applaus spendeten.

Zur Person

Alfred Grosser ist Politikwissenschaftler und Publizist. Er wurde 1925 in Frankfurt/Main geboren, emigrierte 1933 mit seiner Familie nach Frankreich, um dem Nazi-Deutschland zu entfliehen und wurde 1937 französischer Staatsbürger. Er war Lehrstuhlinhaber am Institut d’Ètudes Politiques in Paris (1956 bis 1992) und ist Präsident des CIRAC (Centre d’information et de recherche sur l’Allemagne contemporaine). 1975 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

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